Interview mit Carsten Reichentrog

Der neue Mann an der Spitze des Jugendamtes

1. Jugendamt, was ist das eigentlich und wie kam es, dass Sie Chef vom Jugendamt Stormarn geworden sind? Waren Sie selbst schon einmal in der Jugendverbandsarbeit aktiv? 

 

Das Jugendamt ist rein formal der öffentliche, örtliche Träger der Jugendhilfe und somit eine Behörde, die Strukturen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in den Kommunen plant, gestaltet und steuert. Das hört sich sicher für Euch etwas kompliziert an. Und in der Tat es steckt in der formalen Bezeichnung einiges drin.

 

Zu allererst ist das Jugendamt für alle jungen Menschen, von der Geburt bis zur Volljährigkeit und sogar darüber hinaus sowie ihren Eltern und Familienangehörigen da. Es unterstützt sie in für sie herausfordernden Lebenssituationen und stellt dafür umfangreiche Leistungen zur Verfügung. Wenn sich Kinder und Jugendliche in akuten Notsituationen befinden bzw. Ihr Wohl im häuslichen Umfeld nicht mehr gesichert ist, arbeiten die sozialpädagogischen Fachkräfte mit allen im häuslichen Umfeld beteiligten Personen sowie mit den direkt betroffenen Kindern und Jugendlichen daran, dass sich die Situation wieder verbessert und für sie der Schutz wieder gewährleistet ist.

 

Das Jugendamt gestaltet mit den freien Trägern der Jugendhilfe sowie vielen weiteren Kooperationspartnern wie z. B. Schulen, Vereinen und den Städten und Gemeinden im Kreis Stormarn vielfältige Angebote für Kinder, Jugendliche und ihren Familien im direkten Lebensumfeld der Familien (Lebenswelt- und Sozialraumorientierung nennt man das fachlich!). Die Angebotspalette reicht von den Frühen Hilfen, der Kinderbetreuung, den Angeboten der Lebens- und Erziehungsberatung, der Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit, der Jugendverbandarbeit bis zu den Hilfen zur Erziehung und natürlich dem Kinderschutz.

 

Ich selbst bin schon sehr lange in der Kinder- und Jugendhilfe unterwegs. Schon im Jugendalter habe ich mich als Kreisjugendwart im Tennis, aber auch in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert und dort ehrenamtlich mitgewirkt. Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit begleitet mich dementsprechend schon sehr lange. Viele Jahre habe ich dann neben dem Studium in einer großen stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung in verschiedenen Wohngruppenformen als Betreuer sowie später auch als Pädagogische Leitung mit den dort lebenden Kindern und Jugendlichen gearbeitet.

 

Schon immer wollte ich mich für gute Aufwachsbedingungen für Kinder und Jugendliche vor Ort einsetzen und entsprechende Angebote gestalten. Das war für mich der wesentlichste Punkt zum Jugendamt zu wechseln, weil genau das für mich der richtige Platz ist, dieses verantwortlich zu tun und Angebote an deren Lebensort zu gestalten.

 

Nun etwas zu Ihren Zielen, Herausforderungen und Wünschen:

 

2. Was ist Ihrer Meinung nach die Hauptherausforderung für das Jugendamt Stormarn?

Das Kreisjugendamt steht in den nächsten Jahren vor einer Vielzahl von Herausforderungen.

 

  • Zunächst einmal sind wir auf dem Weg, die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe inhaltlich mittel-langfristig so weiterzuentwickeln, dass alle hier im Kreis lebenden Kinder und Jugendlichen (natürlich auch deren Eltern) im Sinne einer inklusiv ausgerichteten Kinder- und Jugendhilfe versorgt werden können.

 

Alle jungen Menschen wie auch deren Familien soll ein möglichst barrierefreier und einfacher Zugang zu unseren Angeboten vor Ort möglich sein, inbegriffen der behördlichen Beratungs- und Unterstützungsangebote. Das beinhaltet nicht nur die räumliche, örtliche Erreichbarkeit, sondern ebenso den digitalen Zugang zu Beratung und Unterstützung, aber auch eine vereinfachte Verständlichkeit im Formularwesen etc. Fachlich heißt das, dass wir das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) des Bundes mit viel Engagement und Hochdruck umsetzen.

 

  • Um eine gute und bedarfsgerechte Versorgung von Angeboten vor Ort hinzubekommen, brauchen wir natürlich effektive und gut zusammenarbeitende Bedarfsplanungen wie z. B. Kita-Bedarfsplanung, Jugendhilfeplanung, Jugendarbeit, Koordination Frühe Hilfen etc., um gemeinsam mit den Städten und Gemeinden bedarfsgerechte Kinderbetreuungsangebote (wie z. B. Kitas oder offene Ganztagsangebote an Schulen usw.) zu gestalten, oder die Jugendhilfeplanung für die Weiterentwicklung der Angebotsstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe in unserem Kreis insgesamt, wie z. B. Betreuungsangebote in den Hilfen zur Erziehung, darauf abgestimmte Angebote in der Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit u.v.m.

 

  • Eine einhergehende weitere Aufgabe ist die Sicherstellung von kommunalen Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder- und Jugendliche auf diesem Weg. Mit vielen diesbezüglichen Projekten wie z. B. der Demokratieförderung des Kreisjugendrings, der Gestaltung von partizipativen Projekten vor Ort, des Angebotes Jugendarbeit auf dem Land oder auch die Bildung von Beiräten in den Städten und Gemeinden vor Ort sind wir in unserem Kreis schon wesentliche Schritte gegangen.

 

  • Die gesellschaftlichen Herausforderungen sind groß. Der Fachkräftemangel wirkt sich schon jetzt erheblich auf die Sicherstellung der Angebote in der Kinder- und Jugendhilfe aus. Zum Beispiel wäre da die prekäre Situation in der Kindertagesbetreuung sowie ebenso in allen anderen Feldern in den Hilfen zur Erziehung oder auch der Jugendarbeit zu nennen. Dieses fordert die Familien in der Sicherstellung von Vereinbarkeit von Familie und Beruf in erheblichem Maße heraus. Wir sind gefordert, neue kreative Konzepte im Umgang damit zu entwickeln und Qualitätsstandards in der Sicherstellung der Betreuungsangebote hier im Kreis aber auch darüber hinaus neu zu denken.

 

3. Welche Ziele verfolgen sie in den nächsten Jahren im Bereich der Förderung der Jugendarbeit?

 

  • Grundsätzlich verfolge ich das Ziel, das wir als Jugendamt, die Angebote und Einrichtungen der Jugendarbeit so zu gestalten, dass sie auch zukünftig Schutz- und Vertrauensräume für junge Menschen sind, in denen sie sich geborgen, akzeptiert und gefördert fühlen.

 

  • Die Aufgabe der Kinder- und Jugendförderung ist m. E. stets dabei, alle jungen Menschen in ihrer Entwicklung und auch in Krisen zu begleiten und zur Seite zur Seite zu stehen. Unsere gesellschaftliche Aufgabe ist es, sie zu stärken und ihnen zu helfen, ihren Weg, auch in problematischen Situationen, zu finden.

 

Dementsprechend verfolge ich das Ziel, Angebote im inklusiven und integrativen Sinne in den Bereichen Prävention, der Resilienzförderung (Stärken fördern), der Gesundheitsförderung mit den Akteuren vor Ort sozialraumorientiert weiter zu entwickeln.

 

  • Jeder Mensch hat ein Recht auf Bildung. Dieses Menschenrecht ist in Artikel 28 der Kinderrechtskonvention festgeschrieben. Internationale Jugendarbeit, kulturelle Jugendarbeit, Jugendfreiwilligendienste und Angebote im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung greifen die Interessen junger Menschen auf, geben ihnen Impulse für ihre Weiterentwicklung und ermöglichen selbstbestimmte und selbstorganisierte Bildungsprozesse, auch nonformaler und informeller Art.

 

Bildung in der Jugendförderung ist ein wichtiges Angebot. Der Bildungsbegriff in all seiner Ganzheit im außerschulischen Kontext ist jedoch gesellschaftlich nicht trennbar von der Kultur. Somit gehe ich immer von kultureller Bildung aus, was den Bildungsbegriff nicht unerheblich erweitert.  Dementsprechend attraktiv muss eben diese für junge Menschen sein, damit sie es annehmen und die Angebote wahrnehmen. Es muss sich eben an den Bedürfnissen und Interessen orientieren. Mit der Teilnahme am Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ab 2024 verfolge ich gerade vor diesem Hintergrund für die Jugendarbeit das Ziel, verschiedene Bildungsangebote miteinander so zu verknüpfen und aufeinander abzustimmen bzw. weiterzuentwickeln, dass für alle hier bei uns lebenden junge Menschen vielfältige aber auch attraktive Angebote gibt. Dabei spielt natürlich eine wichtige Rolle, dass der Zugang zur Jugendarbeit in der Stadt wie aber auch im ländlichen Raum bei uns gelingt und entsprechende Angebote auch weiterhin zur Verfügung gestellt werden können. 

 

4. Wenn Sie „König“ von Stormarn wären, was würden Sie als erstes für Jugendliche in Stormarn verbessern?

 

Diese Frage ist echt schwer zu beantworten. Vieles von dem was ich Euch schon in meinen Zielen und in den Herausforderungen dargestellt habe, spielt dabei eine große Rolle. Wenn ihr Euch ein Spinnennetz vorstellt, ist Jugendarbeit ein großes Netzwerk mit unterschiedlichen kleinen Bausteinen.

 

Ich bin fest der Meinung, dass es flächendeckend gelingen muss, dass Kinder und Jugendliche sich Gehör verschaffen und „eine Sprache haben“. Dabei sollte es unabhängig sein, ob sie im ländlichen oder städtischen Bereich unseres Kreises leben.  

 

  1. Verbindliche Beteiligungsstrukturen zur Ausgestaltung des öffentlichen Raums soll in Stadt und auf dem Land sichergestellt sein.

 

Im Sine gelingender Jugendarbeit möchte ich als König von Stormarn, den Kinder und Jugendlichen Raum geben, bei der Gestaltung ihrer Lebenswelt kreativ mitzuwirken.

 

Beteiligung setzt aber eben auch entsprechende Kompetenzen und Ressourcen voraus. Diese zu entwickeln und junge Menschen dabei zu ermutigen, ihre Interessen wahrzunehmen und zu vertreten, ist eine wesentliche Aufgabe der Kinder- und Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit und des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes. Die Träger und

1b. Als König von Stormarn möchte ich für die Jugendarbeit als Standard festlegen, dass die Angebote der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit und des Kinder- und Jugendschutzes so organisiert und gestaltet werden, dass sich alle Kinder und Jugendliche damit angesprochen und aufgehoben fühlen und egal welcher Kultur oder besonderer Beeinträchtigungen dort auch willkommen sind.

 

Zu guter Letzt:

 

Die Jugendverbandsarbeit und damit insbesondere meine Mitarbeit als junger Mensch im Ehrenamt hat meinen Weg entscheidend bis heute geprägt. Gerade in der heutigen Zeit spielt meiner Meinung nach gesellschaftliches Engagement, das Füreinander Dasein eine große Rolle im menschlichen Miteinander. Die persönliche Begegnung, das vertraute Gespräch aber auch die vielfältigen „Modelle“ die Sie/Ihr als haupt-oder ehrenamtlich tätige Betreuende den Kindern und Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsenen bietet, ist eine Bereicherung und damit ein wertvoller Baustein auf deren Lebenswegen.

 

Es ist Zeit Danke zu sagen, was Sie den Ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen alles bieten. Kinder und Jugendliche brauchen Werte, Orientierung (auch mal Grenzen), aber auch ein Gefühl von sich angenommen fühlen. Ich möchte an dieser Stelle gerne zu guter Letzt dafür werben, sich haupt- oder ehrenamtlich weiter für unsere Kinder und Jugendlichen in den Vereinen, Verbänden, der OKJA aber auch in den anderen Feldern der Kinder- und Jugendhilfe einzusetzen und zu engagieren. Die Vielfalt und die Möglichkeit sich zu engagieren dazu bei uns im Kreis ist groß. Und eins ist definitiv klar. Sie werden dringend gebraucht.

 

Vielen Dank an den Kreisjugendring für das geführte Interview und auf weiterhin engagierte Zusammenarbeit.

 

Ihr/Euer Carsten Reichentrog